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Von der Wand in den Mund

Ich habe sieben Jahre in einer Garage gelebt, nun bin ich ein Auto – unter diesem Titel versammelt Adrian Wald ein Konvolut seiner Arbeiten, das offen und variabel als ein Assoziationsgeflecht im Raum auftritt. Ein erster Blick auf die Bilder zeigt bereits, dass sie in Format, Farbe, Material, Motiv sowie Faktur entscheidende Unterschiede aufweisen. Es entsteht eine multiple Bilderschar, die ihrer formalen eine ebenso breitgefächerte inhaltliche Vielfalt entgegenhält.
Als Nullpunkt des Koordinatensystems, das Wald aufspannt, kann hier die Arbeit Craprolith funktionieren. Das Objekt, das als versteinerter Dinosaurierkot deklariert wird, führt unmissverständlich die Dimensionen einer inhaltlichen Aufladung durch den Glauben an etwas vor Augen.i Humoristisch stößt der Stein somit dem Betrachter in seiner Gutgläubigkeit vor den Kopf. Rezipienten betrachten Kunstwerke, so Jean Baudrillard, „als legten sie mit geradezu rührender Treue Zeugnis ab von der Welt.“ii Auf diesen Umstand spielt Wald vielfältig an - etwa bei den Bildern zum Akademieteich.
Die Auseinandersetzung mit der Malerei ist ein weiteres Muster, das die Koordinaten durchzieht. Arbeiten, wie etwa Ethon mag Leberkäse oder Kadmiumpisser hinterfragen trügerisch etablierte Behauptungen der Kunst. Das pastos aufgetragene Kadmiumgelb wird hierbei zum Urin, das Zinnoberrot der Prometheusschen Wunde zu Blut. Der Blick wird gezielt vom Inhalt auf die Malerei gelenkt. Die Körpersäfte avancieren zur malerischen Substanz und bleiben doch Farbe. In Misthaufen3D wird das Spiel auf die Spitze getrieben. Die Fliege, Inbegriff der Augentäuschung in der Kunst, steckt unübersehbar und plastisch in einer schwarzen Masse aus Siebdruckfarbe. Auf einer weiteren Leinwand ist sie schwarz auf weiß zu sehen. Die Bilder werden somit zu radikalen Abbreviaturen bekannter kunsthistorischer Topoi.
Inhaltlich aufgeladene Anspielungen auf die deutsche Geschichte, wie sie sich etwa in Deutscher Durchschnitt, Pervitin oder dem Buch Deutsche Kunst im Wandel der Zeiten finden lassen, hängen im Bildgefüge neben Arbeiten wie Selber Sau! oder Zipper dir einen!, wodurch zum einen eine Relativierung, zum anderen jedoch eine Aufwertung der Themen stattfindet. Die Bilder schwächen und stärken sich gegenseitig. Eine Beobachtung, die sich hier auch auf ihre formale Ausdifferenzierung, etwa auf ihre Größenverhältnisse, übertragen lässt.
Ebenso wenig wie der inhaltliche Gehalt der Bilder wird deren Patina, deren substanzieller Verfall gescheut. Jetzt alt! oder Weichmacherschädel werden zur Visualisierung ihrer Titel. Der Zerfall der Materialien ist bei Wald essentieller Teil der Arbeit und wird so zur geplanten Obsoleszenz, einem Phänomen, das etwa aus der Konsumwelt bekannt ist. Retro potenziert sich.
Wie Gelatine hält die Frage danach, was ein gutes Bild braucht, wie gute Kunst funktionieren kann, letztlich die Bilderschar zusammen. Das sich ergebende Bildgefüge definiert sich hierbei immer wieder neu, je nach Vorzeichen oder Filter, durch den man es betrachtet. In ihrer Koexistenz stellen die Bilder beständig neue Behauptungen und Ansprüche auf. Es geht um Lügen und Wahrheiten und den Glauben an sie. Es liegt letztlich am Betrachter, dem Betrug auf den Leim zu gehen. Am Ende ist er die letzte Koordinate im Raum, er schluckt die bittere Pille der Kunst direkt von der Wand über die Augen in den Mund.


i Vgl. Gombrich, Ernst: Meditationen über ein Steckenpferd. Von den Wurzeln und Grenzen der Kunst, Wien 1963, S. 21.
ii Baurdrillard, Jean: Jenseits von Wahr und Falsch, oder Die Hinterlist des Bildes, in: Bachmayer, Hans Matthäus (Hg.), van de Loo, Otto (Hg.), Rötzer, Florian (Hg.): Bildwelten – Denkbilder, München 1986, S. 265.
Jutta Radomski, Januar 2015